"Auf geht's, ihr jungen Leute!" sprach unser Guide Ahmed, ein älterer und sehr fitter Herr, jedesmal mit basisdiktatorischer Vollmacht, und wir konnten es ihm auch nicht übelnehmen. Schließlich hatten wir bei unserer Exkursion in den Sinai (besser Exodus in die Wüste) ein straffes Programm.
Am Samstag (10.09.) ging es los und wir fuhren zunächst mit dem Bus über die ägyptische Grenze nach Taba, wo wir unsere Guides Ahmed und Rami trafen. Sie stammen beide aus Kairo und konnten uns viel über die Situation in Ägypten erzählen. Ahmed erklärte uns alles, Rami war eher der stille Organisator. Dann kamen wir nach einer weiteren Fahrt zu einem Inschriftenfelsen auf einer alten Karawanenroute, wo das Regenbogenkreuz eingemeißelt ist, das Symbol unserer Abtei auf dem Zion, da Pater Laurentius, der Neugründer derselben, es damals hier entdeckte. Die Abtei und das Studienjahr sind also seit jeher mit dem Sinai verbunden. Wir Studienjahrler bekamen vor der Reise auch alle ein solches Kreuz aus Holz mit auf den Weg. (Für die Interessierten: es deutet auf die drei Bünde Gottes mit den Menschen: Regenbogen - Noah, Zwölf Enden des Kreuzes: Mose und die zwölf Stämme Israels, Kreuz: Jesus Christus.)
An unserem ersten Abend landeten wir schließlich im Katharinendorf, der Hauptsiedlung des Beduinenstamms der Djebeliah, das bedeutet: Bergleute. Am Sonntag ging es dann mit der eigentlichen Wanderung los, auch wenn der erste Tag noch nicht so schlimm war. Aber es wurde zunehmend anstrengender, mit all dem Gepäck die Berge hochzusteigen. Als Hilfe hatten wir jeweils einen beduinischen Guide, das war die meiste Zeit Sayid, ein sehr ruhiger und konzentrierter, ernsthafter Mensch. Die Beduinen haben in vielen Tälern kleine Gärten, die auch ummauert sind, und wo wir unser Nachtlager jeweils aufschlugen. Dieses bestand einfach aus einer Isomatte und dem Schlafsack. Der Sternenhimmel war fantastisch - ohne "Lichtverschmutzung" konnte man ganz verträumt die Milchstraße betrachten und sich über die unendlich vielen Sterne wundern. "Leider" war auch Vollmond angesagt am Anfang, sodass es in der Nacht sehr hell war zum Schlafen. Außerdem war es ziemlich kalt, sodass man in der Wüste wirklich das totale Extrem hat von megawarm zu superkalt. Zudem wird es natürlich anstrengend, wenn zwanzig Leute zehn Tage, 24 Stunden aufeinander hocken, aber es gab überraschenderweise keine ernsthaften Konflikte. Da lebt man dann schon ziemlich eng, sodass man sich plötzlich über sehr intime Sachen unterhält. Eine dieser Sachen war natürlich der Toilettengang. Das ist in der Wüste genau vorgeschrieben. Zunächst mal sucht man sich einen Felsen, damit man nicht gesehen wird. Nach verrichtetem Geschäft decke man die Hinterlassenschaften mit Steinen ab. Unentbehrlich sind neben Toilettenpapier: Streichhölzer. Denn da wir in der Wüste keinen Zivilisationsmüll hinterlassen dürfen, gilt es nun, das benutzte Toilettenpapier zu verbrennen. Wenn aber nun ein leichter Wind weht, und die Dinger sich davonmachen, bevor man sie anzünden kann, kommt natürlich Freude auf. Soviel also dazu. - Dusche gibt es gleich mal gar nicht, und Wechselklamotten müsste man selber mitschleppen - viel zu viel Last, nur einen Teil von unserem Gepäck haben die Kamele genommen, die uns im Nachtlager jeweils wieder begegneten. Das bedeutet offen gesagt, dass wir am Ende aussahen, wie die letzten Penner: jedes Essen konnte man auf den Shirts nachlesen, und alle haben zum Himmel gestunken. - Aber erstmal weiter mit der Chronologie.
Am ersten Tag bin ich mit einem Kumpel noch auf einen Berg gestiegen, um einen wunderbaren Sonnenuntergang zu betrachten. Den zweiten Tag ging es dann weiter zum nächsten Nachtlager. Die Beduinen backten uns Pita, so dünne Brotfladen, die wir mitnahmen und mittags aßen, während sie abends für uns etwas kochten. Die Assistenten erzählten uns natürlich sofort, wie verweichlicht die Sinai-Exkursion inzwischen sei. Schließlich habe man damals noch selber Feuerholz sammeln müssen und Wasser aus den Quellen getrunken statt aus Plastikflaschen. Naja, sicher haben wir späteren Generationen auch etwas zu berichten, denn bekanntlich verweichlicht ja alles nach und nach noch mehr. - Was wirklich schön war, war der Tee, den die Beduinen bei jeder größeren Rast kochten, und der wirklich sehr gut schmeckte. - Ebenfalls sehr erholsam war das Flötenspiel von Florence, das bei den Mittagspausen durch das Wadi klang, was wirklich mystisch wirkte.
Natürlich hatte ich mir in der ersten Nacht gleich eine Erkältung geholt, sodass ich die jetzt die nächsten Tage mit mir rumschleppen konnte. Am Dienstag war ein sehr harter Aufstieg, mit lauter Geröll, sodass man echt aufpassen musste, wo man hintritt. Die meisten sind zu einem kleinen natürlichen Pool, der ganz unten in einem Wadi war gegangen, aber mir war der Tag schon stressig genug. Denn wo man runtersteigt, muss man ja auch wieder hoch.
Am Mittwoch war dann ein leichter Tag, da ich auf einen Felsen mit aufstieg, sondern mit Andreas unten wartete (nachdem wir endlich Schatten gefunden hatten - die Sonne ist erbarmungslos da unten), um meine Erkältung auszukurieren. - Doch der härteste Tag sollte noch kommen.
Zunächst kam aber erstmal der Donnerstag, unser "Wüstentag", wo wir einen Tag nach freier Gestaltung in der Wüste zubringen konnten, wobei wir alle uns ein einsames Plätzchen suchten und jeder quasi mal für einen Tag Einsiedler war. Entsprechend kamen wir alle mit unseren eigenen "spirituellen" Erfahrungen zurück, die wir abends austauschten. (Ok, zugegeben, Gruppenrunden sind nervig. Aber es war trotzdem interessant nach so einem Tag...)
Am Freitag kam dann der Hammer. Zunächst sind wir (nicht alle) rauf auf den Katharinenberg, den höchsten Berg des Sinai. Dann den kompletten Berg wieder runter auf einem ultra anstrengenden Schotterweg in brütender toter Mittagshitze. Nach kurzer Mittagspause gings dann hoch auf den Moseberg, und ich war schon am Mittag so fertig und durcheinander, dass ich echt dachte, ich hab nen Sonnenstich oder sowas. Weiter oben auf dem Moseberg muss man dann eine unendliche Naturstein-Treppe hinaufsteigen, um schließlich zur Spitze zu kommen. Dort warteten wir den Sonnenuntergang ab, um dann im Dunkel der Nacht wieder runterzusteigen zu unserem Nachtlager.
Samstags sind wir dann den Rest vom Moseberg runter und endlich ins griechisch-orthodoxe Katharinenkloster, wo es haufenweise uralte Ikonen gibt, die ziemlich berühmt sind. Übrigens ist das einzige Kloster mit einer Moschee - einige islamische Besatzer hatten sie einstmals mitten reingesetzt.
Danach kam der totale Spaßfaktor - der Beginn unserer Jeeptour, denn nach einer Woche Höhenwandern mussten wir nun nicht selber laufen. Vorher verabschiedeten wir uns natürlich von den Beduinen. In den Jeeps ging es nun in die Sandwüste, mit ungeheurem Karacho fuhren sie da ein Rennen durch die Wadis, dass wir uns echt festhalten mussten. Die Sandwüste selbst war total schön, ganz weich und warm, auch die Nächte. Vorher musste man immer auf harten Steinen schlafen, da war das echt die reinste Erholung. Ich hab meine Isomatte gar nicht erst rausgeholt, sondern meinen Schlafsack direkt auf die Düne gepackt - der Sand passt sich ergonomisch an. Am nächsten Morgen ist man dann doch überrascht, wie viele Spuren im Sand zu finden sind - und zwar von riesigen Käfern die zum Teil unsere Rucksäcke infiltrierten. Brinthanan hatte am Abend unter seinem Hemd ein wahres Riesenvieh begrüßen können, der Panzer allein war ungefähr 5x3 cm, ein dicker Skarabäus oder so. Am Sonntag sind wir jedenfalls vormittags noch zu einem Hathortempel hoch, was auch sehr anstrengend war, da die Hitze weiter unten in der Sandwüste noch viel drückender ist als im Bergland. Hathor ist eine ägyptische Muttergottheit, die den Sonnengott Horus geboren hat. Deshalb hat sie oft zwei Hörner - Symbol für die Mutterkuh - mit einer Sonne dazwischen.
Montag war dann unser Rückreisetag, wo wir uns zunächst von den Jeeps verabschiedeten und dann mit dem Bus in ein Hotel am Golf von Akaba fuhren - jetzt kommt nämlich der dekadente Entspannungsteil unserer Exkursion... es muss wirklich ein tolles Bild gegeben haben, wie zwanzig völlig verdreckte und stinkende Leute in dieses super-saubere Hotel reinstiefeln und zum Buffee wanderten, wo wir Mittag essen konnten. Danach hielt es kaum einer mehr aus und alle sprangen ins Meer zum Baden. Nach dem Trocknen in der Sonne konnte man sich auch noch etwas im Pool entspannen, alle Anstrengungen waren wie abgewaschen, und man konnte sich wieder etwas sauberer fühlen. Bei mir blieben nur die fettigen Haare und ein Gesträuch von einem Bart übrig... Dann sind wir also mit dem Bus wieder über die Grenze und durch die Nacht schließlich wieder hier im Beit Joseph eingetroffen, wo man für uns Kuchen und Bier zur Begrüßung bereitgestellt hatte! Kurz danach fielen aber schon alle ermattet ins Bett.
Es war eine fantastische Reise! Und nie zuvor habe ich den Wert von einem Dach über dem Kopf und einer weichen Matratze so sehr geschätzt... ich kann nur dankbar sein.
Euer Jakob
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen