Sonntag, 25. März 2012

Souvenirs d'un autre monde

"Andenken an eine andere Welt", wie ein Album der wunderbaren Band Alcest heißt, sind auch alle diese letzten Tage, nun, da das Studienjahr seinem Abschluss entgegengeht - aber ich will nicht zu dramatisch werden...
Zunächst mal hatte ich vorletzte Woche das letzte Mal Spüldienst, das letzte Mal aufplatzende Müllbeutel des Küchenpersonals zum Container tragen, der von Wesen bevölkert wird, die schon eher wie Ratten als wie Katzen aussehen - achja, da kommt Schwermut auf... denn ohne solch lästigen Pflichten ist das Leben eben doch fad! Am Wochenende waren wir in Beit Jimal (benannt nach einem Rabbi Gamaliel), wo nochmal einige abschließenden Gespräche und Reflexionen zum Studienjahr stattfinden sollten. Am Freitag haben wir alle einen vorbereiteten Zettel vorgelesen, was uns persönlich so bewegt hat. Eigentlich hasse ich derartige Stuhlkreis-Sitzungen, aber es war doch noch mal eien gute Gelegenheit, einige Sachen, auch Schwierigkeiten Revue passieren zu lassen, und auch von anderen zu hören, die man vielleicht nicht so kennengelernt oder anders eingeschätzt hat. Nach einer schrecklich kalten Nacht verbrachten wir den ganzen Samstag mit langweiligen Reflexionsrunden über allen möglichen Kram des Studienjahrs, was uns daran gefiel oder nicht, wobei das meiste ohnehin keinen Einfluss auf irgendwelche Entscheidungen hat - naja, was solls. Der Sonntag war nach einer etwas besseren Nacht auch wunderbar sonnig, schön und frei, sodass man nach einer Morgenandacht von Andreas und Tobias Weyler etwas spazieren konnte in der umliegenden idyllischen Natur. Mit Brinthi lag ich etwas im Gras rum und aßen Pralinen aus dem örtlichen "Shop", wo es auch Crêpe gab - tja, Mönche müssen auch mal was essen. Es gibt nämlich zwei Klöster auf dem Berg dort, einmal die Salesianer, die eher modernistisch sind, und ein Schwesternkloster der Kartäuser, die bekanntlich als Schweigeorden so richtig kontemplativ sind. Von denen lernten wir im Shop auch eine nette kennen, die wohl wegen ihres Dienstes auch mit Kunden reden muss/darf. Es ist unglaublich, welche Ruhe und Freude diese Menschen ausstrahlen - als am Sonntag auf den blühenden Wiesen die Schwestern, mit frischen Zweigen in den Händen, sich (ausnahmsweise) unterhaltend und fröhlich grüßend an uns vorüberzogen, war es wie in einer anderen Welt zu sein.
Am Montag, Tag des Hl. Josef, war ich dann endlich mal wieder in meinem geliebten Herzl-Haus in meiner geliebten Mamilla (Straße/Mall), wo ich Chicken Wings aß, die total lecker waren, auch wenn ich hinterher aussah wie ein Barbar. Am Dienstag waren wir den ganzen Tag mit Tamar Avraham wieder in der West Bank unterwegs, in Hebron und einem Palästinenserdorf nahe der Siedlung Susya, die schon ganz schön um ihre Existenz kämpfen müssen. Als reichte das nicht, hatten wir abends noch eine kräftezehrende Diskussion mit dem Abt wegen dem Abschlussgottesdienst, wo dann eigentlich jeder unzufrieden war, erstens weil erst viele für eine Messe waren, dann wiederum viele einen schlichten Wortgottesdienst wollten, und so jeder irgendwie zwischen den Stühlen saß, und zweitens, weil nach dem aufreibenden Gespräch der Abt deutlich machte, dass er von Anfang an entschieden hatte für einen Wortgottesdienst - man hätte sich diesen Ärger also komplett sparen können.
Am Mittwoch habe ich mir dann erstmal aus Übermut im T-Shirt in der abendlichen Stadt eine Erkältung geholt, die mich bis auf diesen Moment schniefen und husten lässt - dabei dachte ich letzten Winter noch, sowas wird mir in Israel nicht passieren... naja, aber es klingt schon ab...
Trotzdem machte ich am Freitag den Kreuzweg der Franziskaner mit, wo sie also betend die Via Dolorosa in die Grabeskirche wandeln, was doch ein tolles Erlebnis war. "...wie ich zum Hause Gottes zog in festlicher Schar, mit Jubel und Dank in feiernder Menge..." (Ps. 42,5)
Nun erwartet mich noch eine letzte Woche Studienjahr, bevor die ersten Leute sprichwörtlich wieder ausfliegen, und die erste Aprilwoche, in der mich mein Freund Adrian besuchen wird, und die von vielen Abschieden geprägt sein wird, bevor ich nach Ostern selbst auch (nach Tü) zurückkehre...
Bis demnächst, Euer Jakob

Sonntag, 11. März 2012

Apocrypha

"die Verborgenen", sind Schriften, die ähnlich wie die kanonischen Bücher des Neuen Testaments, von Jesus und seinen Aposteln Worte und Taten überliefern, jedoch häufig aus späterer Zeit und mit teilweise einigermaßen phantastischen Ausschmückungen. Nichtsdestotrotz gibt es unglaublich tiefe Texte darunter und in jedem Falle sind sie ein wunderbares Zeugnis für die Vielfalt frühchristlicher Spiritualität und Theologie. Daneben sind sind sie eins meiner persönlichen theologischen Hauptinteressen. Letztes Wochenende befasste ich mich einmal mehr mit ihnen, um mich auf die für mich sozusagen wichtigste Veranstaltung des Studienjahres vorzubereiten, nämlich "Gericht und Hölle in den Antiken Christlichen Apokryphen", von dem Berliner Kirchengeschichtler Christoph Markschies, der nicht nur total humorvoll und spannend zugleich ist, sondern auch neuer Herausgeber der berühmten (für die Verhältnisse eines Randbereichs der Theologie...) Sammlung apokrypher Schriften, die man bisher oft Hennecke-Schneemelcher nannte, nach den beiden früheren Herausgebern. Da ich meine Leser aber nicht noch weiter ermüden will, halte ich meine begeisterungsschwangeren Ausführungen, die ich jetzt machen könnte, mal lieber zurück... Zugleich wird mit Gericht und Hölle ein bzw. zwei Themen angesprochen, die man heute gern unter den Tisch kehrt, weil sie sehr unangenehm klingen, und schlechte Presse für die Kirche zu sein scheinen. Inwiefern ein taktisches Schweigen darüber sinnvoll ist, das allen möglichen Scharlatanen erlaubt, diese Begriffe mit ihren abstrusen Ideen zu füllen, ist sicher fraglich. Aber auch dies muss jetzt nicht diskutiert werden.
Am Montag Abend hatten wir noch einen sehr spannenden Vortrag mit (selbstproduziertem) Dokumentarfilm von Erzabt Astrik (nein, nicht Asterix) aus Ungarn, wo es um die schlimme Verfolgung der katholischen Kirche zur Zeit der kommunistischen Diktatur ging, von der die DDR in diesem Maße zum Glück verschont blieb (leider aber zugunsten einer schleichenden Entchristianisierung). Er konnte dazu sehr viel aus seinen Erfahrungen berichten. Ein Erzabt ist übrigens der Abt eines Mutterklosters, denn wie antike Kolonialstädte zogen da früher ein paar Brüder aus, um irgendwo ein neues Kloster zu gründen, wenn das alte zu voll war (zu einer Zeit, in der das monastische, spirituelle Leben für viele Menschen reizvoll war). Das ist dann meistens erstmal eine Priorei, also unter der Führung eines Priors, der dem Mutterkloster untersteht. Wenn die Priorei größer wird, ist es selbst eine Abtei, also ein vollwertiges Kloster. Wenn nun ein Kloster viele solche Tochterklöster hat, wird es selbst zur Erzabtei. Tja, auch monastisches Leben will organisiert sein, sonst funktioniert es nicht.
Dienstags hatten wir wieder Exkursion, diesmal nach Massada (wo uns Matthias führte) und En Gedi. Am Mittwoch verabschiedeten wir uns von Miro, unserm Studienassistenten, der wegen einer Gallenblasenentzündung leider ausgeflogen werden musste, was für alle natürlich schade ist. Außerdem war in diesen Tagen Purim, also so eine Art jüdischer Karneval, sodass wir selbst eine Feier machten bzw. in der Stadt uns den Feierlichkeiten anschlossen. Besonders im ultra-orthoxen Mea Shearim ging es recht munter zu. Denn so bierernst, wie die Ultras manchmal wirken, sind sie eben doch nicht, wie man bei solchen Gelegenheiten feststellen kann.
Am Freitag ging es dann endlich los mit Markschies, wo wir zunächst die Petrus-Apokalypse (Apokalypse hier im ursprünglichen Sinne von "Offenbarung") anschauten, die mit ihren für uns sehr brutal anmutenden Bildern von der Hölle zunächst befremdlich wirkt. Betrachtet man jedoch die damalige Zeit und die furchtbare Situation, in der die verfolgte Gemeinde stand, ist es immer noch besser, angestaute Aggressionen in irgendwelchen Jenseitsvorstellungen abzureagieren, als im Hier und Jetzt. Nebenbei sind die Schilderungen für damalige Verhältnisse leider ziemlich normal und nicht sonderlich übertrieben, und sie dienten vor allem dem Zweck der Warnung. Trotz dieser zu beachtenden Umstände hat das Christentum diesen Text nicht allgemein anerkannt, sodass er nicht den Weg in den Kanon fand, und vermutlich ist das auch besser so - das Christentum ist nicht eine Religion der Angst, auch wenn sie von manchen dafür gehalten wird (eigentlich ist sie sogar das Gegenteil).
Am Samstag behandelten wir dann die Paulus-Apokalypse, eine der am weit verbreitetsten apokryphen Schriften überhaupt, was auch kein Wunder ist, da sie eine bilderreiche Reise des Apostels Paulus durch die verschiedenen Himmelssphären berichtet, bei der er alle möglichen Gestalten der Bibel antrifft. Stützen tut sich der Text auf einen Bericht des Paulus im 2. Korintherbrief, wo er unter großem Vorbehalt andeutet, solch eine Vision tatsächlich erlebt zu haben - wie viele Christen nach ihm es noch erleben sollten, die wir heute als Heilige kennen. - Danach gingen wir auf einen Samstagsspaziergang durch das Hinnom-Tal, wo uns Prof. Markschies, der ja neben Theologie, Philosophie und Klassischer Philologie auch Biblische Archäologie studiert hat, noch einiges über die dortigen Grabanlagen berichten konnte, bevor wir uns zu einem gemütlichen Kaffee in der Cinemathek niederließen.
Tja, so weit die Meldungen. :)
Aus einem inzwischen wieder richtig sommerlichen Jerusalem, Euer Jakob