"die Verborgenen", sind Schriften, die ähnlich wie die kanonischen Bücher des Neuen Testaments, von Jesus und seinen Aposteln Worte und Taten überliefern, jedoch häufig aus späterer Zeit und mit teilweise einigermaßen phantastischen Ausschmückungen. Nichtsdestotrotz gibt es unglaublich tiefe Texte darunter und in jedem Falle sind sie ein wunderbares Zeugnis für die Vielfalt frühchristlicher Spiritualität und Theologie. Daneben sind sind sie eins meiner persönlichen theologischen Hauptinteressen. Letztes Wochenende befasste ich mich einmal mehr mit ihnen, um mich auf die für mich sozusagen wichtigste Veranstaltung des Studienjahres vorzubereiten, nämlich "Gericht und Hölle in den Antiken Christlichen Apokryphen", von dem Berliner Kirchengeschichtler Christoph Markschies, der nicht nur total humorvoll und spannend zugleich ist, sondern auch neuer Herausgeber der berühmten (für die Verhältnisse eines Randbereichs der Theologie...) Sammlung apokrypher Schriften, die man bisher oft Hennecke-Schneemelcher nannte, nach den beiden früheren Herausgebern. Da ich meine Leser aber nicht noch weiter ermüden will, halte ich meine begeisterungsschwangeren Ausführungen, die ich jetzt machen könnte, mal lieber zurück... Zugleich wird mit Gericht und Hölle ein bzw. zwei Themen angesprochen, die man heute gern unter den Tisch kehrt, weil sie sehr unangenehm klingen, und schlechte Presse für die Kirche zu sein scheinen. Inwiefern ein taktisches Schweigen darüber sinnvoll ist, das allen möglichen Scharlatanen erlaubt, diese Begriffe mit ihren abstrusen Ideen zu füllen, ist sicher fraglich. Aber auch dies muss jetzt nicht diskutiert werden.
Am Montag Abend hatten wir noch einen sehr spannenden Vortrag mit (selbstproduziertem) Dokumentarfilm von Erzabt Astrik (nein, nicht Asterix) aus Ungarn, wo es um die schlimme Verfolgung der katholischen Kirche zur Zeit der kommunistischen Diktatur ging, von der die DDR in diesem Maße zum Glück verschont blieb (leider aber zugunsten einer schleichenden Entchristianisierung). Er konnte dazu sehr viel aus seinen Erfahrungen berichten. Ein Erzabt ist übrigens der Abt eines Mutterklosters, denn wie antike Kolonialstädte zogen da früher ein paar Brüder aus, um irgendwo ein neues Kloster zu gründen, wenn das alte zu voll war (zu einer Zeit, in der das monastische, spirituelle Leben für viele Menschen reizvoll war). Das ist dann meistens erstmal eine Priorei, also unter der Führung eines Priors, der dem Mutterkloster untersteht. Wenn die Priorei größer wird, ist es selbst eine Abtei, also ein vollwertiges Kloster. Wenn nun ein Kloster viele solche Tochterklöster hat, wird es selbst zur Erzabtei. Tja, auch monastisches Leben will organisiert sein, sonst funktioniert es nicht.
Dienstags hatten wir wieder Exkursion, diesmal nach Massada (wo uns Matthias führte) und En Gedi. Am Mittwoch verabschiedeten wir uns von Miro, unserm Studienassistenten, der wegen einer Gallenblasenentzündung leider ausgeflogen werden musste, was für alle natürlich schade ist. Außerdem war in diesen Tagen Purim, also so eine Art jüdischer Karneval, sodass wir selbst eine Feier machten bzw. in der Stadt uns den Feierlichkeiten anschlossen. Besonders im ultra-orthoxen Mea Shearim ging es recht munter zu. Denn so bierernst, wie die Ultras manchmal wirken, sind sie eben doch nicht, wie man bei solchen Gelegenheiten feststellen kann.
Am Freitag ging es dann endlich los mit Markschies, wo wir zunächst die Petrus-Apokalypse (Apokalypse hier im ursprünglichen Sinne von "Offenbarung") anschauten, die mit ihren für uns sehr brutal anmutenden Bildern von der Hölle zunächst befremdlich wirkt. Betrachtet man jedoch die damalige Zeit und die furchtbare Situation, in der die verfolgte Gemeinde stand, ist es immer noch besser, angestaute Aggressionen in irgendwelchen Jenseitsvorstellungen abzureagieren, als im Hier und Jetzt. Nebenbei sind die Schilderungen für damalige Verhältnisse leider ziemlich normal und nicht sonderlich übertrieben, und sie dienten vor allem dem Zweck der Warnung. Trotz dieser zu beachtenden Umstände hat das Christentum diesen Text nicht allgemein anerkannt, sodass er nicht den Weg in den Kanon fand, und vermutlich ist das auch besser so - das Christentum ist nicht eine Religion der Angst, auch wenn sie von manchen dafür gehalten wird (eigentlich ist sie sogar das Gegenteil).
Am Samstag behandelten wir dann die Paulus-Apokalypse, eine der am weit verbreitetsten apokryphen Schriften überhaupt, was auch kein Wunder ist, da sie eine bilderreiche Reise des Apostels Paulus durch die verschiedenen Himmelssphären berichtet, bei der er alle möglichen Gestalten der Bibel antrifft. Stützen tut sich der Text auf einen Bericht des Paulus im 2. Korintherbrief, wo er unter großem Vorbehalt andeutet, solch eine Vision tatsächlich erlebt zu haben - wie viele Christen nach ihm es noch erleben sollten, die wir heute als Heilige kennen. - Danach gingen wir auf einen Samstagsspaziergang durch das Hinnom-Tal, wo uns Prof. Markschies, der ja neben Theologie, Philosophie und Klassischer Philologie auch Biblische Archäologie studiert hat, noch einiges über die dortigen Grabanlagen berichten konnte, bevor wir uns zu einem gemütlichen Kaffee in der Cinemathek niederließen.
Tja, so weit die Meldungen. :)
Aus einem inzwischen wieder richtig sommerlichen Jerusalem, Euer Jakob
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