Sonntag, 20. November 2011

Exkursion nach Galiläa

Vorgestern sind wir zurückgekommen aus Galiläa, direkt in unsere kalten Zimmer. Erstmals funktioniert die Heizung, doch da das Wasser für die Heizung erst hundert Meter unter der Erde durchgepumpt wird (vom Abteikeller) und das Beit Joseph leider null Isolierung hat, nützt es nicht sonderlich viel (außer als moralischer Beistand).
Los ging es nach Galiläa am Montag, dem siebten November. Zuerst kamen wir nach Beit Shean, wo man eine römische Stadtstruktur sehr eindrucksvoll anschauen konnte. Man merkt sofort, worum es in Galiläa fast einzig und allein geht: um Archäologie. Die ersten Tage wurden wir von Jürgen Zangenberg geführt (Experte für Hellenismus), und dann noch zwei Tage von Gunnar Lehmann (Experte für die späte Bronzezeit). Na, jedenfalls sind wir dann weiter nach Tiberias, das ist die große Stadt am See, wo es nur ein olles Stadttor zu sehen gab. Tiberias selbst ist eine Betonhochburg und, außer zum einkaufen, nicht sehr empfehlenswert. Schließlich kamen wir in unserem Quartier für die nächsten zwei Wochen an: Tabgha, der Legende nach der Ort der wunderbaren Brotvermehrung, und, was viel wichtiger ist, ein kleines Paradies mit großem verwinkelten Garten, wo Quellen und Bäche fließen, und viele kleine Orte, an denen man sitzen (oder beten) kann. Auch die Kirche, die auf uralten Fundamenten steht, was man an alten Mosaiken sehen kann, ist sehr schön, dazu ein kleiner Kreuzgang mit Fischteich. Die ganze Anlage samt dem Klosterneubau und einem großen Olivenhain liegt direkt am See Genezareth, wo man also auch ans Ufer kann. Nebenbei fließt eine "warme" Quelle vom benachbarten Franziskanergrundstück direkt vors Beit Noah (unser Gästehaus), wo wir denn auch gleich reingsprungen sind.
Am Dienstag sind wir dann nach Magdala (wo Maria Magdalena herkommt) und nach Hippos. Letzteres liegt auf einem Pferdekopf-ähnlichen Hügel (griech. Hippos = Pferd, hebräisch heißt die Stadt Susita, von hebr. Sus = Pferd), dort gab es etliche Kirchenruinen zu sehen und einen schönen Sonnenuntergang, wobei die Sonne direkt in den Tabor zu versinken schien, ein Berg, von dem noch die Rede sein wird. Leider wurde mir den Tag sehr schlecht, und abends musste ich mich übergeben. Den nächsten Tag war ich dann halbtot mitgefahren... Da waren wir in Omrit, auch ein oller Tempel, dann in Banias, wo ich die Wanderung schon nicht mehr mitmachte, und schließlich auf dem Har Bental, eine Art Nationalheiligtum, weil er von einer Handvoll Israelis gegen die arabische Übermacht verteidigt worden war. Dort hatte ich die Kopfschmerzen des Jahrhunderts, und ich entschied, am Donnerstag doch in Tabgha zu bleiben und mich auszukurieren. Am Freitag sind wir in das gut aufbereitete Megiddo gefahren, eine uralte Stadt, und später nach Dor, wo wir Zeit hatten, am Strand zu sitzen.
Dann kam das Wochenende, zunächst war am Freitag Tabghafest, wo die Einheimischen die Brotvermehrung feiern, daher war die Messe auf Arabisch... Außerdem hatte ich mit Brinthi abends Andacht, denn auf der Galiläa-Exkursion machte jeden Abend jemand anders Andacht (war aber keine Pflicht oder so), mit Kerzen direkt am See. Sonntags war dann "Geistlicher Tag", den ich vormittags in der letzten warmen Sonne am See verbrachte, später war ich im Kreuzgang. Kurzum, es gab viel Zeit, einfach da zu sein, zu lesen, oder auch nur rumzugammeln. Am Montag hatten wir einen komplett freien Tag, sodass wir (also Andreas, Brinthi, Rebekka, Olga und ich) spontan beschlossen, nach Tiberias zu trampen und uns ein Auto zu mieten. Damit ging die Landpartie los und wir fuhren zuerst nach Tsfat (Saphed), die Kabbalisten- und Künstlerstadt), wo man viel rumbummeln und gucken kann. Danach machten wir uns auf ins orthodoxe Kapharnaum, also den Ort, wo Jesus lehrte. Viele der heiligen Orte teilen sich bekanntlich die christlichen Konfessionen, ohne dabei besonders freundschaftlich verbunden zu sein. Die orthodoxe Kirche dort ist relativ bekannt, weil sie außen ganz lustig anzuschauen ist, mit runden Kuppeln, die in einem Barby-rot gehalten sind. Aber auch innen ist sie sehr eindrucksvoll ausgemalt mit vielen Motiven, Ikonen etc. Nach einem Stop beim Burgerrestaurant sind wir ins Kibbuz Kinnereth, wo es eine Schokoladenfabrik gibt, und natürlich kauften wir einiges davon. Schließlich sind wir dann nach Tiberias bzw. Tabgha zurückgekehrt.
Dienstag ging wieder unser Programm weiter, und zwar mit Nazareth und Tabor. In Nazareth trafen wie einen "Kleinen Bruder vom Herzen Jesu" und die ätzende 60er-Jahre-Architektur der Verkündigungskirche. Besonders die stille Wanderung auf den Berg Tabor, dem legendären Ort der Verklärung Christi, wo er also in himmlischem Licht erstrahlte, hat mir sehr angetan, die Kirche auf dem Gipfel ist sehr schön, die Innengestaltung hat von nichts zuviel und von nichts zuwenig. Dies war für mich persönlich (geistlich gesehen) der Höhepunkt der Exkursion. Am Mittwoch ging es ins katholische / franziskanische Kapharnaum, wo sie ein komisches Ufo hingestellt haben, was eine Kirche sein soll. Nun ja. Wir reisten jedenfalls weiter nach Gamla und inzwischen machte sich die einbrechende Regenzeit voll und ganz bemerkbar, denn ab jetzt schüttete es ohne Ende, sodass aus dem Besuch in Gamla eine einzige Matschtour wurde. Gamla kommt übrigens von hebr. Gamal = Kamel, weil es auf zwei Hügeln, die von oben tatsächlich wie Kamelhöcker aussehen, gebaut wurde. Donnerstags waren wir dann in Sepphoris (sprich: Sefforis, von hebr. Zippori = Vogel), wo es ganz wunderschöne und gut erhaltene Mosaike zu bewundern gibt; und in Yod'fat (griech. Iotapata), wo weiland Josephus Flavius auf die Römer traf, im Jüdischen Krieg 70 n.Chr. Am Freitag jedenfalls ging es noch nach Beit Shearim (wörtlich: Haus der Tore), und das war ein wirklich mystischer Ort. Inzwischen regnete es nicht mehr. Der Berg war wirklich ein Haus der Tore, nämlich der Grabtore, denn in dem Ding gibt es haufenweise Grabhöhlen, die man auch betreten kann, und die sehr umfangreich und langgestreckt sind, auch ganz kunstfertig ausgestaltet waren. Allein in der Abenddämmerung wäre es dort sehr gruselig geworden... Den Abschluss bildete Caesarea Maritima, eine einstmale gewaltige Hafenstadt, heute eine Art archäologischer Freizeitpark, und es gibt tatsächlich einiges zu sehen. Nachdem wir uns vom Meer verabschiedet haben, ging es endlich wieder nach Hause, nach Jerusalem.
Es war auf jeden Fall eine sehr spaßige und wahnsinnig interessante Tour!
Ansonsten war ich heute Morgen in der Messe der französischen Dominikaner in St. Etienne bei der École biblique. Denn das Schöne in Jerusalem ist ja, dass man tausend verschiedene Gottesdienste und jede Art und Weise, jede Nationalität und Eigentümlichkeit in einer einzigen Stadt kennenlernen kann. Etwas spöttisch, aber doch nicht ganz verkehrt hat mal jemand die Stadt ein "religiöses Disneyland" genannt... Heute abend will ich noch ins Burgerrestaurant und zum Bowling, bevor morgen wieder die Vorlesungen beginnen, und bald muss ich ja auch mein Qumran-Referat vorbereiten... Tja, es gibt immer was zu tun.
Bis demnächst, Euer Jakob

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